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Prolog zum Neujahrstage 1850 von Karl von Holtei

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Karl von Holtei
Prolog zum Neujahrstage 1850
Neujahrs-Prolog
Zum neuen Jahr 1855


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     Dichter . G/K . Karl von Holtei


Prolog zum Neujahrstage 1850, in Hamburg,

gesprochen von Herrn Marr.

Ob Royalist? Ob Demokrat?
Ob frei im Forschen, oder fromm im Glauben?
Ob Adler in der hohen Götter Rath?
Ob taubensanft im Fluge sanfter Tauben?
Ob gut versorgt, gesichert, glücklich, reich?
Ob dürftig, krank, in Armuth, Bettlern gleich?
Wir Alle wandern mit der Menschheit Schaaren,
Wir Alle zieh'n den bunten Pilgerzug;
Wir häufen in durchirrten, langen Jahren
Auf jede Hoffnung neuen, schweren Trug;
Und keinem, aber Keinem hat das Leben,
Was es versprach, gehalten und gegeben.

Das wissen wir und streben lebend weiter
In Hochmuth, Uebermuth und Eitelkeit,
Auf uns'rer Freunde Grab leichtsinnig-heiter,
Mit unsern Brüdern oft im blut'gen Streit.
Das wissen wir und, stets belehrt, entfernen
Wir, sonder Weisheit, spöttelnden Gesichts
Uns aus der Schule. Stets belehrt, erlernen
Wir Tag um Tag und Jahr um Jahr doch nichts;
Wir bleiben, was wir waren: gut und schlecht,
Ein liebenswürdig-hassenswerth' Geschlecht.
Wir prahlen mit der Liebe für das Ganze,
Wo jeder Einzelne nur sich bedenkt,
Nach einem Blumen- oder Lorber-Kranze
Für's eig'ne Haupt die gier'gen Blicke lenkt.
Wo Jeder, sei er Bürger, Denker, Dichter,
Fürst, oder Krieger, - Greis und Mann und Kind,
Dem Nächsten stets ein streng-scharssicht'ger Richter,
Doch gegen eig'ne Fehler immer blind.

Gesteh'n wir's ein! - Auch Ihr, von deren Stimme
Der laute Wiederhall das Land durchdringt,
Wenn Ihr mit wilder Drohung, ja mit Grimme
Nach Weltverbesserung, nach Freiheit ringt.
Gesteh'n wir's ein. - Auch Ihr, die Ihr am Alten
Mit unbeweglicher Beständigkeit,
Aus guten oder schlechten Gründen, halten,
Ja kleben wollt. Wir Alle haben weit
Zu jener Tugend, die in Sittenreinheit
Sich opfern möchte für die Allgemeinheit.

Denn Jeder, seines eig'nen Werths Verkünder,
Schlägt er in Einsamkeit an seine Brust, ..
Da d'rinnen klingt's: "Du bist ein armer Sünder!"
Und seine Lippe bebt: ich hab's gewußt!
Dann schaut er um sich: konnt' es Jemand hören? -
Und dann tritt er hinaus, auf sich zu schwören.

Das wirst du finden, Mensch, sobald du lernst,
Genau das wirre Treiben zu beachten;
Mit Unbefangenheit und heil'gem Ernst,
Die Zeit, und dich in ihr, fest zu betrachten.
Du wirst es finden, aber doch verschweigen.
Dir fehlt der Muth, dich wie du bist zu zeigen.

O neues Jahr, wir flehen nur um Eines,
Nur Eines gieb uns, liebes neues Jahr:
Zerstöre du das Reich des eitlen Scheines,
Stell' uns die Herzen frei und offen dar.
Mit deiner Sonne ätherreinen Klarheit
Eröffne strahlend uns die Macht der Wahrheit.

Daß Keiner mehr Schauspieler wolle sein,
Nicht auf dem Throne, nicht in schmutz'ger Gasse,
Der Frömmler tändelnd mit dem Lämmelein,
Der Gottesleugner mit Geist-loser Masse;
Daß Keiner lebe für den leeren Schein,
In seiner Liebe, noch in seinem Hasse;
Daß man Darstellungskünste dem Verein
Der Bühnenkünstler endlich überlasse;
Daß Keiner mehr Schauspieler wolle sein,
Als wir auf diesen Brettern ganz allein!

Wir dürfen dies. Jemehr wir uns verhüllen,
Verleugnend unsere Persönlichkeit,
Um desto sich'rer werden wir erfüllen
Die schwier'ge Pflicht, der wir uns ja geweiht.
Wir dürfen streben nach des Scheines Ziel:
Der Wahrheit Spiegel bildet unser Spiel.

Gieb neue Lust, o Jahr, zu dem Geschäfte!
Dünkt es gleich Manchem nicht'ge Tändelei,
Der wohl vergißt, daß uns'rer höchsten Kräfte
Lebend'ges Aufgebot von Nöthen sei,
Um die poet'sche Täuschung zu erreichen,
Worin er wähnt, er säh' nur seines Gleichen.

Und bring' uns auch zu spielen und zu schildern,
Was würdig ist, was uns beseelen mag.
Nicht bloß in niedern, flachen Alltagsbildern.
Nein, zeig' des Schönen Sieg! der Ehre Tag!
Daß wir nicht kunstlos endlich gar verwildern,
Gönn' uns Aufgaben auch von bess'rem Schlag.
Dann möge wechselnd sich die Kunst am Leben,
Das Leben wieder an der Kunst erheben.

Dir aber, neues Jahr, sei dargeboten
Bescheid'ner Fleiß, den guter Wille gab.
Zwar führen alle Wege zu den Todten,
Auch du geleitest näher uns zum Grab;
Auch du vergehst; auch deine Uhr läuft ab;
Die uns're mit. - Doch darum keine Sorgen;
Nach der Sylvester-Nacht folgt Neujahrs-Morgen.









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Neujahrsgedicht: "Prolog zum Neujahrstage 1850" von Karl von Holtei